Dr. Zeuner: Zur Nutzung neuer Medien im Magisterstudium Deutsch als Fremdsprache (DaF) an der TU Dresden - Beispiel Hauptseminar Landeskunde und Neue Medien

3. Hauptseminar Landeskunde und Neue Medien

Im folgenden soll beschrieben werden, wie versucht wird, die skizzierten Leistungspotenzen neuer Medien im Hauptseminar Landeskunde und Neue Medien des Magisterstudienganges Deutsch als Fremdsprache zu nutzen.

3.1 Seminarziele

Das Hauptseminar Landeskunde und Neue Medien ist als ein Problemlösungsprozess konzipiert, in dem ein real vorhandenes Lehr- und Lernproblem vorgestellt wird, zu dessen Lösung eine von den Studierenden im Seminar anzufertigende Lernumgebung im Internet beitragen soll (vgl. [4]). Das Seminar läuft also als eine Art Fallstudie ab, indem die Studierenden mit einem praktischen Fall aus dem Lebensbereich Universität konfrontiert werden, der zu lösen ist.

Dieser praktische Fall und das mit ihm verbundene Problem lässt sich folgendermaßen benennen: Immer mehr Studierende aus dem Ausland kommen zu einem Vollzeit- oder Teilstudium an die TU Dresden und erleben in den ersten Wochen ihres Studiums oft eine Reihe von Schwierigkeiten: Den ausländischen Studierenden fehlen wichtige Informationen für die ersten Schritte in Dresden und sie erleben Missverständnisse und Frustrationen, die ihre Ursache in kulturellen Unterschieden haben.

Um dieses Problem lösen zu helfen und diese Startschwierigkeiten in Dresden zu verringern, sollen im Hauptseminar Informations- und Lernmaterialien für das Internet geplant und realisiert werden, die von ausländischen Studierenden zur Vorbereitung Ihres Aufenthaltes in Dresden genutzt werden können. Aus dieser Aufgabe ergeben sich folgende Zielstellungen, die zugleich die Arbeitsschritte und den Ablauf des Seminars bestimmen:

  • Vertiefung des Wissens zur interkulturellen Landeskunde und zum Einsatz neuer Medien im Fremdsprachenunterricht aus dem Grundstudium.
  • Lernen, wie mediale Lernangebote konzipiert werden und erstellen eines Konzeptes für das eigene Informations- und Lernmaterial.
  • Vertiefung der Problematik von Lernaufgaben als entscheidendem Element eines medialen Lernmaterials.
  • Kennenlernen der Autorentools für die Herstellung des Informations- und Lernmaterial auf der Grundlage des von der Professur für die Psychologie des Lehrens und Lernens der TU Dresden entwickelten Studierplatzes 2000.
  • Erstellen eines internettauglichen Informations- und Lernmaterials für ausländische Studierende an der TU Dresden zur Vorbereitung ihres Aufenthaltes in Dresden.

Die Erarbeitung dieses Informations- und Lernmaterials kann und sollte in Gruppenarbeit erfolgen, wodurch kooperatives Arbeiten und Lernen angeregt wird. Zur Unterstützung dieses kooperativen Lernens gibt es im Seminarmaterial ein Forum (http://57526.board.webtropia.com/), mit dem alle Studierenden mindestens einmal arbeiten müssen. Neben der Erstellung des Lernmaterials und der Teilnahme an diesem Forum ist eine dritte Voraussetzung für den Erwerb eines Scheines ein Lerntagebuch, in dem das eigene Lernen und Arbeiten im Seminar reflektiert werden soll. Mit der Erstellung dieses Lerntagebuchs sind folgende Ziele verbunden: ein vertieftes Verständnis des behandelten Stoffes, die Förderung des Bewusstseins für den eigenen Lernprozess und das Einüben einer Technik des aktiven, selbstgesteuerten Lernens (vgl. [6]).

3.2 Struktur des Materials

Das gesamte Seminarmaterial befindet sich auf einer Seminarseite im Internet unter der Adresse http://www.tu-dresden.de/sulifg/daf/hslknm/start.htm. Es ist als einfache HTML-Seite mit zwei Rahmen erstellt. Im linken Rahmen befindet sich das Hauptinhaltsverzeichnis zur Navigation, im rechten Rahmen erscheinen die Inhalte.

Auf der Startseite erhalten die Lernenden grundsätzliche Informationen über Ziele und Arbeitsschritte des Seminars und finden einen Link mit Informationen zum Scheinerwerb. Das weitere Material ist im Wesentlichen nach den Seminarwochen gegliedert. Zu jeder Seminarwoche gibt es Links zu Texten, die in Vorbereitung auf das Seminar gelesen werden sollen und Aufgaben zur Vorbereitung auf die Seminarsitzung. Die zu lesenden Texte sind zum großen Teil passwortgeschützte PDF-Dateien, die nur zur Nutzung in diesem Seminar gedacht sind.

Zu den Seiten der einzelnen Seminarwochen kommt man über die Seite "Seminarplanung", die die Semesterplanung mit Links auf die einzelnen Seminarseiten enthält oder direkt über das Inhaltsverzeichnis. Die Texte, die zur Vorbereitung der Seminarsitzungen zu lesen sind, sind auch direkt über die Seite "Seminarmaterial" zu erreichen. Dort finden sich auch die Links zu den Autorenwerkzeugen "study2000" und "EF-Editor" (vgl. [10]), mit denen das Informations- und Lernmaterial erstellt werden soll.

Die Seite "Weiterlesen" enthält Literaturempfehlungen für ein vertiefendes Selbststudium und über das "Archiv" erhält man eine Übersicht über alle von den Studierenden in den letzten drei Semestern erstellten Informations- und Lernmaterialien.

Die Seminarseite im Internet hat als Teil eines hybriden Lernarrangements folgende Aufgaben, die in dieser Form von einem traditionellen Seminarreader nicht alle übernommen werden können:

  • Strukturierung der Seminararbeit
  • Bereitstellen des Seminarmaterials (Texte und Aufgaben)
  • Bereitstellen der Autorenwerkzeuge zur Erstellung des Informations- und Lernmaterial durch die Studierenden
  • Kommunikationsplattform außerhalb der Seminarsitzungen durch das Forum

Insbesondere die beiden letzten Aufgaben sind nur mit einem internetbasierten Seminarmaterial zu ermöglichen. Ein weiterer Vorteil des elektronischen Seminarmaterials besteht darin, dass es unabhängig von Ort und Zeit von jedem Internetanschluss aus genutzt werden kann und die für das Seminar zu lesenden Texte allen Studierenden ohne Einschränkung zur Verfügung stehen.

Die Bedeutung des Präsensseminars im Rahmen des gesamten Lernarrangements machen die folgenden Zitate aus Lernertagebüchern deutlich, die im Rahmen dieses Hauptseminars geschrieben wurde:

"Als ich die Seminartexte zu Hause gelesen habe, fand ich sie wenig aufschlussreich für unser Seminarziel, ein Informations- und Lehrmaterial für das Internet zu planen und zu realisieren. Während dem Gespräch über diese Texte innerhalb der Seminargruppe änderte sich meine Sicht auf die Texte, da ich viele Anregungen und Informationen erhielt, die ich nicht allein gefunden hätte. ... Im Nachhinein wurde mir klar, dass man anhand theoretischer Texte viel für die praktische Arbeit ableiten kann. Als ich anfing die Texte zu lesen, habe ich mir gedacht, dass wir alles, was wir schon mal hatten, nochmals durchgehen werden. Aber im Seminar wurde ich eines besseren belehrt. Es war für mich lehrreich im Hinblick auf unser Seminarziel." (J.R. Oktober 2003).
"Wir diskutieren über den Aufsatz von Lies Sercu. Eine positive Erfahrung: ich lese häufig die Texte, mache mir schon meine eigenen Gedanken dazu, aber es war trotzdem eine Herausforderung zu versuchen, solche Begriffe wie ‚rezeptiv-produktive kognitive Operationen' ganz praktisch auf das Projekt anzuwenden." (TR , Mai 2003).

3.3. Arbeit im Seminar

Wie bereits oben erwähnt, lässt sich die Arbeit im Hauptseminar als eine Fallstudie beschreiben, in der die Studierenden mit dem tatsächlich vorhandenen Problem konfrontiert werden, dass ausländische Studierende und auch Teilstudenten an der TU Dresden häufig in den ersten Wochen ihres Aufenthalts in Dresden Missverständnisse und Frustrationen erleiden, die ihre Ursache in kulturellen Unterschieden haben. Dieses Problem soll vermindert werden, indem die ausländischen Studierenden schon zu Hause über das Internet mittels Informations- und Lernmaterialien etwas über ihren künftigen Studienort und die Studienkultur in Deutschland erfahren sollen. Diese Materialien sollen nicht nur eine einfache Liste von Fakten sein, wie es sie mehrfach schon gibt (vgl. z.B. das Informationsangebot des Akademischen Auslandsamtes der TU Dresden unter http://www.tu-dresden.de/aaa/de/auslandstud/dresden.php?4,4), sondern sie sollen als Lernmaterialien bei den Nutzern Lernprozesse, im besten Fall auch interkulturelle Lernprozesse in Gang setzen.

Um ein solches Lernmaterial erstellen zu können, ergeben sich für den Problemlösungsprozess in der Fallstudie die folgenden logischen Schritte, die den Seminarablauf bestimmen:

  1. Vertiefung von Aspekten interkulturellen Lernens aus dem Grundstudium. Dabei geht es u.a. um Lernziele, die mit dem Konzept "Interkulturelle Kompetenz" verbunden werden und um mögliche Schwerpunktthemen und methodische Zugangsweisen für interkulturelles Lernen. Diese Aspekte werden in Bezug auf ihre Brauchbarkeit für das geplante Lernmaterial diskutiert.
  2. Vertiefung des Themas "Neue Medien und Fremdsprachenunterricht/ interkulturelles Lernen" aus dem Grundstudium. Hierbei geht es um verschiedene lerntheoretische Ansätze für mediengestütztes Lernen und deren Konsequenzen für das Design von Lernmedien, um den tatsächlichen Mehrwert des mediengestütztes Lernen mit elektronischen Medien und Qualitätsaspekte internetbasierter Bildungsangebote. Auch hier wird immer wieder die Relevanz dieser theoretischen Zugänge für das im Seminar zu erstellende Projekt (d.h. die landeskundliche Lerneinheit) hinterfragt.
  3. Kennenlernen eines Leitfadens für die didaktische Entscheidungen bei der Entwicklung von telemedialen Lernangeboten. Dieser Leitfaden wird als Grundlage für die Erstellung eigener Projektskizzen verwendet, die im Forum für alle Studierenden zur Diskussion zu stellen sind und vom Seminarleiter kommentiert werden
  4. Kennenlernen der Autorenwerkzeuge, mit deren Hilfe die landeskundliche Lerneinheit erstellt werden soll. Es handelt sich dabei um zwei Autorenprogramme (Multimediale Werkzeuge für das Lehren und Studieren), die von der Professur für die Psychologie des Lehrens und Lernens der TU Dresden entwickelt wurden: study2000 ist ein Autorenwerkzeug zur Erstellung webbasierter Lernumgebungen und der EF-Editor ist ein Autorenwerkzeug zur Konstruktion unterschiedlich komplexer Lernaufgaben wie Multiple-Choice-Aufgaben, Zuordnungsaufgaben, Drag-und-drop-Aufgaben und Kurzantwortaufgaben (vgl. [10]). Mit Hilfe der Dokumentationen zu den beiden Programmen auf der Webseite http://studierplatz2000.tu-dresden.de/study2000/index.html erarbeiten sich die Studierenden die wesentlichen Merkmale dieser Programme, die vom Seminarleiter im Seminar demonstriert und von den Studierenden ausprobiert werden.
  5. Wiederholung, Vertiefung und Diskussion der Funktion und Gestaltung von Lernaufgaben, was für die Erstellung eigener Lernaufgaben im eigenen Lernprogramm besonders wichtig ist. Lernaufgaben im multimedialen Lernarrangement sollen die Auseinandersetzung des Nutzers mit dem Lernmaterial bewirken und ihn allmählich dazu befähigen, autonom, tiefgehend und produktiv mit neuen kulturellen Inhalten, interkulturellen Aufgaben und Problemen umzugehen (vgl. [9]).
  6. In einer eigenen Seminarsitzung werden alle Projektskizzen aus dem Forum noch einmal im Plenum diskutiert und die Arbeit der einzelnen Arbeitsgruppen wird abgestimmt.
  7. 7. Es folgt die praktische Arbeit der Studierenden an ihren Lernmaterialien, die etwa ein Drittel der gesamten Seminarzeit einnimmt. Der Seminarleiter steht in dieser Phase ale Berater und Helfer - auch bei der technischen Umsetzung - zur Verfügung. In einer letzten Seminarsitzung werden erste (Teil)ergebnisse vorgestellt und diskutiert. Die fertigen Lernmaterialien sind bis spätestens zum Ende der jeweiligen Semesterpause fertigzustellen. Bei Bedarf finden auch in der Semesterpause dafür noch Konsultationen statt.

Die durch die Studierenden erstellten Lernmaterialien sind im Archiv des Seminars unter http://www.tu-dresden.de/sulifg/daf/hslknm/archiv.htm zu finden. Die folgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einem fertigen Lernmaterial zum Thema "Benimmregeln in deutschen Seminaren":


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