Dr. Zeuner: Zur Nutzung neuer Medien im Magisterstudium Deutsch als Fremdsprache (DaF) an der TU Dresden - Beispiel Hauptseminar Landeskunde und Neue Medien
4. Erfahrungen und ProblemeIn einer Auswertung des Hauptseminars schätzten die Studierenden als positiv ein:
Genau diese Anforderung wurde aber andererseits auch als sehr anspruchsvoll eingeschätzt: "Es ist schon eine gute Idee, aber doch sehr anspruchsvoll. Von der Findung eines Themas bis zur erstellten Lerneinheit im Netz sind recht viele Hürden zu nehmen. Unter anderem ist es schon recht schwierig ein Thema zu finden, was sich auch wirklich verwirklichen lässt." Als problematisch wurde vor allem der große Vorbereitungsaufwand für das Lesen der Seminarliteratur eingeschätzt. Um die folgenden Zitate richtig zu interpretieren, sollte man jedoch wissen, dass die größte Textmenge, die zu einer Seminarsitzung zu lesen war, ca. 45 Seiten betrug:
Auf die Frage, ob sie dieses Seminar an andere weiterempfehlen würde, schrieb eine Studentin, sie würde es tun, aber: "Ich würde jedoch betonen, dass sie sich darauf einstellen müssen, dass sie nur dann davon profitieren können, wenn sie sich fleißig zu jeder Stunde vorbereiten. Ich würde es auch denjenigen empfehlen, die gerne kreativ arbeiten und neue Anforderungen gerne begrüßen." Aber was heißt denn studieren, wenn nicht: viel Lesen, im Seminar vorbereitet sein, Gelesenes geistig verarbeiten, auch kreativ. Oder lernt man dies heute in vielen Lehrveranstaltungen nicht mehr? Ein Student reflektierte diese Frage kritisch und schrieb: "In der Zeit meines DaF-Studiums habe ich immer und immer wieder das Gefühl, daß die Inhalte von allen StudentInnen aber auch von manchen Dozenten als Auswendig-Lernen-Inhalte' betrachtet werden. Die vermittelten Theorien und Modelle verdeutlichen die Inhalte von DaF und machen das Lernen leicht, doch scheint es mir, daß sich die DaFler mit dem Auswendiglernen zufrieden geben. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke. ... Mir kommt es vielmals so vor als ob die DaF-Lernenden selbst gar nicht verinnerlichen, was sie später einmal vermitteln sollen. Das meine ich öfters bei Gesprächen außerhalb des Unterrichts aber auch bei Unterrichtsbeiträgen zu bemerken. Man sollte doch als Pädagoge selbst verarbeitet und verinnerlicht haben, was man seinen Schülern beibringen möchte. Der Auswendig-Lernen-Charakter von DaF trägt glaube ich zu dieser Eigenart der Studenten bei. [Dies sind] Eindrücke meinerseits und Gedanken, die mich die ersten beiden Seminarstunden gequält' bzw. begleitet haben", ... in denen es offenbar tatsächlich nicht einfach um eine Wiedergabe sondern um eine geistige Verarbeitung des Gelesenen ging. Auch in anderen meiner internetbasierten Seminare, in denen von Studierenden gefordert wird, ihr Lernen selbst zu organisieren, sich selbst Wissen zu erarbeiten und nicht einfach vom Lehrer Vorgegebenes zu übernehmen, wurde u.a. folgendes als problematisch angegeben:
Die Erkenntnis der Befragten, dass selbständiges Arbeiten für Studieren eigentlich essentiell ist, wird in einigen dieser Antworten deutlich. Aber auch der Wunsch nach allgemeingültigen Antworten, nach Erleichterung der Mühsal des Selbst-Erarbeitens und Selbst-Denkens. Erfreulich ist: Andere bewerteten gerade dieses hier als problematisch Evaluierte als positiv:
Können unsere Studenten studieren? Ja und nein, wie ich meine. Aber was tun mit denen die es (noch) nicht können (die es nie lernen wollen oder werden, denen ist sicher nicht zu helfen)? Selbstständige geistige Arbeit lernt man nur, indem man selbstständig geistig tätig ist. Anwendungsnahes Denken lernt man nur, wenn man Theoretisches anzuwenden versucht. Reichen dazu heute in unseren Massenuniversitäten allein traditionelle Lehrformen noch aus? Muss noch das vorgelesen werden, was man sich eigentlich in gedruckten oder digitalen Materialien selbst erarbeiten könnte - hätte demzufolge Vorlesung heute nicht eigentlich eine andere Funktion als zu den Zeiten, als sie deshalb als akademische Lehrform verwendet wurde, weil es noch keinen Buchdruck gab? Sind Seminare in der Tradition des 19. Jahrhunderts - einer Zeit, als sich Professoren ihre wenigen Studenten für ein Seminar noch selbst aussuchten - die durch Referate der Studierenden geprägt sind, immer sinnvoll in einem Massen"seminar" heutiger Realität? Lernen dann auch die¸ die keinen benoteten Schein brauchen und demzufolge auch kein Referat halten, wissenschaftliche Zusammenhänge zu begreifen und sich vor einer Gruppe argumentativ zu behaupten oder schlagen sie nur ihre Zeit tot? Heißt Reform des Studiums nur die Einführung von Bachelor-Studiengängen oder eine Neugliederung traditioneller Lehrformen nach logischerer Abfolge der Inhalte und wachsendem Schwierigkeitsgrad oder müssten nicht auch die Lehrformen selbst hinterfragt werden? Es ist an der Zeit, traditionelle Vorlesungen und Seminare zu ergänzen durch Angebote, die mit Hilfe offener Arbeitsformen die Selbsttätigkeit aller Studierenden verlangen - Angebote, in denen handlungsorientiert fachliche Fragestellungen selbständig angegangen werden, in denen Anwendungsbezug durch kooperatives Lösen praktischer Probleme hergestellt wird und in denen der Lehrer Moderator und methodischer Berater ist. Dazu bieten neue Medien durch die ihnen innewohnenden Möglichkeiten ein ausgezeichnetes Arbeitsmittel. Diese Überzeugung führt zu weitergehenden Fragestellungen:
Es müssen noch eine Menge mehr solcher und ähnlicher Fragen gestellt und vor allem auch beantwortet werden, wenn Hochschulausbildung hier und heute zeitgemäßer werden und nicht den Anschluss an die Zukunft verpassen will. Derzeit sind es vor allem in geisteswissenschaftlichen Studiengängen häufig leider erst einzelne Lehrkräfte, die mit traditionellen Lehrformen unzufrieden geworden sind und neue Medien im Rahmen neuer Lehr- und Lernformen für anderes, selbstbestimmteres Lernen erproben und in die Lehre integrieren. |