Die Sinnfrage - Geltungsanspruch des Hobbyradpsort


Die Sinnfrage - Im Grundsatz geht es hierbei um die überragende Bedeutungslosigkeit des Menschen ... und welche Konsequenzen er daraus für sein Leben zieht. Der Mensch hat mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, er ist seinem Wesen nach an Raum und Zeit geknüpft. Er benötigt die Materie, um zu sein, er ist lokal (an einen Ort des Universums) gebunden und hat eine begrenzte Lebenszeit. Seine materielle Abhängigkeit zwingt ihm Funktionsweisen auf, welche die Lebenszeit verlängern. Die Natur hat die Unmöglichkeit einer Unsterblichkeit von Lebewesen durch die Praxis der Fortpflanzung umgangen. Das sind die grundlegenden Prinzipien des Lebens, welche den Menschen auf eine Stufe mit allen anderen Lebensformen setzt. Der zivilisierte Mensch vermag Kraft seiner Vernunft aus dem bloßen Funktionieren auszubrechen. Es ist sein DILEMMA.
Erst Vernunft ermöglicht Einsicht in die Kränkungen des Menschengeschlechts und damit die Aufstellung der Sinnfrage. Andererseits ist es die Vernunft, die Menschen mit Würde beschenkt, die ihm zu Höheren treiben kann. Die eigene Wahrnehmung im Rahmen einer Gesellschaft, Moral und Solidarität, Gerechtigkeitsempfinden, vielleicht auch die Möglichkeit zu Wissenschaft, zeichnen den guten, zivilisierten Menschen aus.

Ohne Vernunft keine Kränkung, sondern nur Funktionieren in dem Maße, wie es Befriedigung verschafft. Welche Rolle spielt Spaß? Ist Spaß die Flucht des Menschen vor seinen vernünftigen Verpflichtungen? Wenn ja, warum tut er das, und ist es überhaupt tollerierbar?
Ich bin der Meinung, Radsport hat keinen anderen Geltungsanspruch als Spaß. Es gibt viele andere, tiefgreifendere Sachen, die Glücklich machen und dem Menschsein gerechter werden. Tiefgreifender deshalb, weil dem Radsport die Komponente des reinen Selbstzweck fehlt, sie ist durch eine latente Sucht ersetzt, welche einen immer wieder aufs Rad treibt. Die Abhängigkeit von täglichen Emdorphinschub tritt Beispielsweise im Winter zu Tage als Sehnsucht.
Diese Sehnsucht richtet sich aber nicht nur nach dem Suchtmittel Endorphine an sich, sondern auch an die physische Selbstverwirklichung. Bodybuilding im Ausdauerbereich, verdoppelte Herzschlagvolumen, vergrößerte Arterien und Venen, sehnige Beine - Jede Trainingseinheit prägt nachhaltig.
Wer schon einmal Topform hatte, weiß wovon die Rede ist. Einen austrainierten Körper hat man nicht das ganze Jahr über, der Zustand beschränkt sich auf wenige Wochen im Jahr, das macht ihn zu etwas exklusivem. Ein austrainierter Körper beflügelt, er verträgt hohe Umfänge un Intensitäten, führt zu neuen Rekorden.
Es ist die Faszination, dass man in diesem Zustand jenes Lebewesen in der Natur ist, welches sich am effizientesten Fortbewegt. Aus persönlicher Erfahrung sei hier auf die Langstrecke des Radsports hingewiesen, Distancen von mehr als 300 km können ohne weiteres bewältigt werden. Die ganze Landschaftsvielfalt einer Umgebung kann so wahrgenommen werden, es ist fantastisch. Es beflügelt, macht erhaben, aber es ist geistlos.
Gerade weil man mit dem Rennrad entfernte Ziele erreicht, sich damit nicht nur weit von häusliche Gefilde sondern auch innerlich weit von der alltäglichen Realität entfernt, ist der Vorwurf des Radfahrens als Flucht schnell gefunden, weil Voreilig von der lokalen Realität auf psychologische Gegebenheiten projektiert wird. Der Vorwurf ist nämlich nur dann gerechtfertigt, falls die Flucht vor der Realität im Vordergrund. Die Aussage kann nicht sein, dass Flucht grundsätzlich ein Zeichen des Scheiterns ist. Flucht ist lediglich der verrohte Begriff für Ausflug. Und gegenüber dem Ausflug ist schon wesentlich mehr Tolleranz vorhanden.
Der Radsport ordnet sich letztendlich nur in eine Vielzahl von Tätigkeiten ein, die nicht überlebensnotwendig, nicht natürlich und nicht in hohem Maße geistesfordernd sind.

Unterhaltung auf niederem Niveau.

Die Komponente des Radsport ist lediglich die der Unfassbarkeit. Intolleranz durch Unverständnis ist kein radsportspezifisches Problem, aber vielleicht ist es sein Hauptproblem. Ob man sich in Weinen gut auskennt, oder in Kunst, oder ob man eben den eigenen Körper besser kennt als viele andere obliegt also jeden selbst. Vielleicht kommt eine Zeit, in der man umdenkt, nach anderem und mit dem Alter tentenziell höherem strebt, aber diese Zeit muss nicht mit Gewalt erzwungen werden. Das Festhalten am Radsport ist in dem Sinne die Gegenantwort auf Karierre- und Intellektualisierungstendenzen. Ein Gegengewicht, das viele Leute benötigen.

Der Radsport hat mir viel gegeben? Diese Aussage ist aber in gewisser weise Hohn. Er kann nicht geben, man nimmt sich einfach bei ihm. Man kann nicht davon Ausgehen, dass etwas eine zentrale Rolle im Leben spielt, nur weil man sich etwas von ihm nimmt. Nur das, was auch gibt, kann zentral sein. Wer den Radsport zu etwas höherem stilisiert hat grundsätzliche Einsichten noch nicht erlangt. Man kann sich ihm hingeben und und von ihm nehmen, aber er wird niemals geben.
Mit dieser Tatsache spricht man dem Sport kein Eigenleben zu, man hat ihm gegenüber keine Verpflichtungen, alles ist selbstgewählt. Alles andere ist Illusion.
"Aber ich würde es als persönliche Höchststrafe empfinden, 30 000km im Jahr fahren zu müssen um eine Elbspitze zu gewinnen ..." hat ein Freund mal gesagt, das ist ein vernünftige Aussage. Die Elbspitze ist ein Eintagesultramarathon von Hobbieradlern.

Stilisierung und Selbstverwirklichung werden dennoch betrieben. Wettkampf muss nicht nur dort sein, wo "Wettkampf" drauf steht. Man kann sich mit anderen Radsportlern auch einig sein, aus nichts einen Wettkampf zu machen. Die narzistische Komponente des Radsports muss bedient werden. Zwar könnt man sich einbilden, rasierte sehnige Beine hätte eine Wirkung auf Passanten, aber die Waden-Fixierung des Radsportlers betrifft nur ihn. Und nur der Radsportler wird ein Gefühl dafür haben, was die Leistungen anderer Wert sind. Seinen ersten 200er wird von jedem Normalsterblichen vielleicht noch richtig eingeschätzt, wer aber seinen zehnten 200er gefahren ist, der verdient dafür nicht mehr unbedingt Anerkennung, es ist Routine.
Alte Menschen werden vergöttert, wenn sie zur Senioren-WM noch einen 40er Schnitt auf die Straße brettern. Was ist das Wert? Hierbei geht es um Leistungssport im Alter, warum sollte man dafür mehr Begeisterung aufbringen als für Contator und Armstrong? Schätzt man die älteren Menschen aufgrund ihres Lebenswerkes?
Das wäre ein guter Grund. Für die Durchschnittsbevölkerung geht man von 6 % bis 10 % Leistungsverlust (z.B. aerobe Kapazität, VO2-max) pro Dekade aus. Ein Hochleistungsseniorensportler kann diese Verluste bis in die fünzigsten Lebensjahre auf 2 % beschränken. Als prominentestes Beispiel sei hier Jeannie Longo-Ciprelli genannt.
Leistungssport im hohem Alter kann deshalb geachtet werden, weil er für den unaufhörlichen Einsatz für den eigenen Körper steht, Jahrzehntelang, Tag für Tag. Bewusst habe ich auf den Begriff Normalbevölkerung verzichtet, was ist schon normal. Durchschnittlich ist in jedem Fall eine Einstellung zum eigenen Körper, den Verfall als natürlich hinzunehmen und damit aber erst zu beschleunigen. Es ist die Psychologie, die die Sportler vom Durchschnitt unterscheidet. Erst hinsichtlich der Psychologie wird der Durchschnittliche zum Normalen der Gesellschaft, weil eben inner Antrieb mit den verbrachten Lebensjahren abnehmen und Überwindung zunehmen.

Es geht meines Erachtens nicht um den Sport an sich, sondern um das Lebenswerk, dass man genausogut in allen anderen Lebensbereichen verwirklichen kann.

Wann beginnt ein solches Lebenswerk? Wann beginnt ein Mensch vernünftig selbstständige Entscheidungen zu treffen, sich zu Orientieren, sich die Kanten einzuschleifen, die ihn für ein Leben prägen?
Der Zeitpunkt der frühen Jugend ist bemerkenswert, entweder, weil Prägung erstmals Früchte treibt und sich in sozial, politischen oder wirtschaftenden Wirken zeigt, oder eben weil die Prägung erst stattfindet. Was aber ist das für eine Prägung, die sich dem Sport widmet? Der Hang zur Sucht in jungem Alter ist eine typische Erscheinung, auch Sport kann zur Droge werden. Gerade in Ausdauersportarten wird der Suchtgehalt natürlich körperlicherseits verstärkt, insbesondere wenn man das Gefühl hat, Endophine wären nur noch beim Radsport erlebbar. Andererseits bedient der Sport das Selbstwertgefühl, er vermittelt Wert, sofern nur die geringste Anerkennung anderer Menschen dafür existiert. Und der Radsport ist einfach, große Fortschritte, messbar, fragwürdigste Trainingsstrukturen werden in mittelbarer Zeit nicht zur Stagnation führen. Der Radsport für den Anfänger ist ein einfaches Los.

Ich denke genau das ist der Reiz, warum man sich ausgerechnet diesem Zeitvertreib widmet: stetige Fortschritte, teilweise prezise messbar, aber auch eine ausgedehnte Radsportkultur in unseren Breiten, die zusätzliche Reize bezüglich Modewahnsinn und Technikbesessenheit setzt. 42-Zoll LCD oder Lightweight Obermayer, was zählt ist die Verpuppung des Mainstream.
Wie bereits zu Beginn angeschnitten, ist das auf Dauer nicht alles. Gesetzt dem Fall, die These, Radsport müsse etwas kompensieren, stimmt. Was? Warum ist der Radsport dazu geeignet? Wie kommt es überhaupt zum geladenen Zustand, der zu kompensieren ist?

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